Viel Förderung auf dem Papier – aber wie sieht die Realität aus?

Der Mädchen- und Frauenfussball erlebt in der Schweiz seit Jahren einen erfreulichen Aufschwung. Der Schweizerische Fussballverband (SFV) hat den Ausbau des Frauen- und Mädchenfussballs zu einem strategischen Schwerpunkt erklärt. Mit Initiativen wie der «Legacy Challenge» sollen Vereine motiviert werden, neue Teams aufzubauen, Trainerinnen und Schiedsrichterinnen auszubilden und langfristig mehr Mädchen für den Fussball zu begeistern.

Auch auf regionaler Ebene engagieren sich der Fussballverband Region Zürich (FVRZ) sowie zahlreiche Vereine für die Weiterentwicklung des Frauen- und Mädchenfussballs. Die Stadt Zürich präsentiert sich dabei gerne als Vorreiterin der Sportförderung. Mit Programmen wie ZüriKick und Atleta investiert das Sportamt erhebliche Mittel in die Gewinnung neuer Mädchen für den Vereinssport.
Doch bei genauer Betrachtung stellt sich eine zentrale Frage: Fördert die Stadt Zürich tatsächlich den Mädchen- und Frauenfussball – oder betreibt sie vor allem Symbolpolitik?

ZüriKick und Atleta: Gute Ideen mit fragwürdiger Wirkung

Die Programme ZüriKick und Atleta verfolgen grundsätzlich sinnvolle Ziele. ZüriKick bietet Mädchen im Schulalter einen niederschwelligen Einstieg in den Fussball und ermöglicht erste Erfahrungen ohne Vereinsverpflichtung. Atleta soll gezielt den Anteil von Mädchen im Vereinssport erhöhen und bestehende Hürden abbauen.

Solche Angebote können einen wichtigen Beitrag leisten, um neue Zielgruppen zu erreichen. Problematisch wird es jedoch dann, wenn die Förderung beim Einstieg endet. Denn was geschieht mit den Mädchen, die nach einem Schnupperangebot dauerhaft Fussball spielen möchten? Wer nimmt sie auf? Wer stellt Trainingsplätze, Trainerinnen und Trainer sowie funktionierende Mannschaftsstrukturen zur Verfügung?
Die Antwort lautet in den meisten Fällen: die Vereine.

Die Vereine tragen die Hauptlast

Während öffentliche Förderprogramme oft auf die Rekrutierung neuer Spielerinnen ausgerichtet sind, leisten die Vereine die eigentliche Integrations- und Entwicklungsarbeit. Sie organisieren Trainings, Meisterschaftsbetrieb, Turniere, Ausbildungen und ehrenamtliche Vereinsarbeit.

Besonders deutlich wird dies am Beispiel des FFC Südost Zürich. Der Verein gehört zu den grössten Mädchen- und Frauenfussballvereinen der Schweiz und finanziert seine Aktivitäten grösstenteils aus eigenen Mitteln. Jahr für Jahr ermöglicht er hunderten von Mädchen den Zugang zum Fussball. Die Nachfrage ist so gross, dass Wartelisten geführt werden müssen. Anstatt solche Vereine gezielt zu unterstützen, sehen sie sich jedoch zunehmend mit strukturellen Hindernissen konfrontiert.

Wenn Wachstum verhindert wird

Besonders schwer nachvollziehbar ist die Situation, wenn Vereine trotz hoher Nachfrage keine zusätzlichen Teams beim Verband anmelden dürfen oder sogar Trainingsplätze und -Zeiten gestrichen werden.

Die Folgen treffen direkt die betroffenen Mädchen:

  • Spielerinnen können nicht in altersgerechte Teams wechseln.

  • Bestehende Mitglieder verlieren ihre Perspektive für die kommende Saison.

  • Wartelisten werden länger.

  • Fussballbegeisterte Mädchen müssen abgewiesen werden.

Gerade in einer Zeit, in der Politik, Verbände und Öffentlichkeit den Ausbau des Frauenfussballs fordern, wirkt eine solche Entwicklung widersprüchlich. Wer mehr Mädchen im Fussball haben möchte, muss auch den Vereinen ermöglichen, diese Mädchen aufzunehmen.

Leistungsteams schliessen eine wichtige Lücke

Ein besonders bemerkenswertes Projekt des FFC Südost Zürich sind die seit der Saison 2018/19 aufgebauten Leistungsteams in mehreren Juniorinnen-Kategorien. Diese Teams trainieren dreimal pro Woche und schliessen damit eine wichtige Lücke zwischen dem Breitensport mit zwei Trainingseinheiten und den Spitzensportstrukturen von FC Zürich oder Grasshopper Club Zürich, wo in der Regel viermal oder häufiger trainiert wird.

Das Angebot richtet sich an talentierte Spielerinnen, die sich sportlich weiterentwickeln möchten, ohne sofort den Schritt in ein Spitzensportumfeld zu machen. Für viele Jugendliche sind schulische Anforderungen, längere Anfahrtswege oder persönliche Gründe ausschlaggebend, weshalb ein Wechsel zu einem Spitzenverein nicht infrage kommt. Die Leistungsteams bieten genau für diese Spielerinnen eine wertvolle Perspektive.
Gleichzeitig profitieren auch die regionalen Meisterschaften davon. Höhere Trainingsintensität und bessere individuelle Förderung tragen dazu bei, das Niveau des Juniorinnenfussballs insgesamt anzuheben.
Umso erstaunlicher erscheint es, wenn solche Initiativen nicht unterstützt, sondern behindert werden.

Fördergelder ersetzen keine Infrastruktur

Die Diskussion zeigt ein grundsätzliches Problem der Sportförderung.

Es genügt nicht, neue Programme zu lancieren oder zusätzliche Fördergelder bereitzustellen. Entscheidend ist, ob die vorhandenen Vereine überhaupt die Möglichkeit erhalten, ihre Kapazitäten auszubauen.

Ein Mädchen, das durch ZüriKick oder Atleta für den Fussball begeistert wird, benötigt anschliessend einen Platz in einem Fussballteam. Dafür braucht es Trainingsplätze, Garderoben, Trainerinnen und Trainer sowie genügend Teams in allen Alterskategorien.
Wenn genau diese Voraussetzungen fehlen oder Vereinen der Ausbau erschwert wird, verpufft ein Teil der öffentlichen Förderbemühungen.

Glaubwürdige Förderung beginnt bei den Vereinen

Die Förderung des Mädchen- und Frauenfussballs ist eine gemeinsame Aufgabe von SFV, FVRZ, Städten, Gemeinden und Vereinen. Alle Beteiligten verfolgen offiziell dasselbe Ziel: mehr Mädchen und Frauen nachhaltig für den Fussball zu gewinnen. Dieses Ziel kann jedoch nur erreicht werden, wenn die Vereine als zentrale Träger des Sports nicht nur rhetorisch gelobt, sondern auch praktisch unterstützt werden.

Vereine wie der FFC Südost Zürich zeigen seit Jahren, dass die Nachfrage nach Mädchenfussball vorhanden ist. Sie investieren Zeit, Geld und ehrenamtliches Engagement, schaffen zusätzliche Angebote und entwickeln Spielerinnen langfristig.

Wenn gleichzeitig Förderprogramme ausgebaut werden, während bestehende Vereine keine Möglichkeit erhalten zu wachsen, entsteht ein Widerspruch, der die Glaubwürdigkeit der gesamten Förderstrategie infrage stellt.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wie viele Förderprogramme existieren. Die entscheidende Frage lautet, ob die Mädchen, die Fussball spielen möchten, am Ende tatsächlich einen Platz auf dem Fussballplatz erhalten.
An diesem Massstab muss sich jede Förderung des Mädchen- und Frauenfussballs messen lassen.